Schulleiterin Brigitte Kastell geht in Ruhestand

„Ich bin dann mal weg“ steht auf der Postkarte. Brigitte Kastell hat sie zum Abschied verschickt. Nach 12 Jahren verlässt die Schulleiterin die Freiherr-vom-Stein-Schule und geht nach 29 Dienstjahren mit Beginn der Sommerferien Anfang Juli in den Ruhestand. Corona hat am Ende alles anders werden lassen. Statt einer großen Feier gibt es eine Postkarte mit Bildern aus ihrer Dienstzeit. Im Rahmen der letzten Gesamtkonferenz verabschiedet sie sich. Damit alle Kolleginnen und Kollegen an der Konferenz teilnehmen können, findet sie nicht im kleinen Lehrerzimmer, sondern in der großen Schulturnhalle statt. Auch von den Schülerinnen und Schülern wollte sie sich auf dem Schulhof verabschieden, jetzt wird sie vor den Ferien alle Lerngruppen einzeln in den Räumen besuchen.

Als sie 2008 als Nachfolgerin von Bernhard Kühnemund kam, war die Schule eine Baustelle. Der Landkreis sanierte als Schulträger. Sie setze durch, dass auch die Arbeitsbedingungen der Lehrerinnen und Lehrer noch während der laufenden Sanierung verbessert wurden. So entstand ein Anbau mit Besprechungsraum und Computerarbeitsplätzen.

Leuchtturmschule mit weiter Ausstrahlung

Am Anfang ihrer Zeit in Immenhausen sprach sie noch von einer Leuchtturmschule, zu der sie die traditionsreiche Freiherr-vom-Stein-Schule machen wollte. Und tatsächlich, die Schule steht in vielfacher Hinsicht heute leuchtend da. Als eine der ersten Schulen kehrte sie wieder zur längeren gymnasialen Schulzeit zurück und schafft G8 ab.  Bei der Praxisorientierung ist Immenhausen ganz weit vorne in Hessen. Einen Tag gehen Real- und Hauptschüler zum Praxistrag in die Werkstätten der Herwig-Blankertz-Schule Hofgeismar. Anteile, die in der kleinen Schulküche oder im Physikunterricht früher meist nur theoretisch gelehrt werden konnte, finden jetzt in der Berufsschule Eingang in den Schulalltag der Schwerpunkte Hauswirtschaft, Verwaltung, Elektronik, Holz- und  Metall. Bis zur Klasse 7 lernt man in Immenhausen gemeinsam, dann wird in den Mittleren und Praxisorientierten Bildungsgang aufgeteilt. Gymnasialklassen werden getrennt ab Klasse fünf angeboten. Wer den Hauptschulabschluss anstrebt, geht zusätzlich noch einen Tag wöchentlich für ein Dreivierteljahr in einen Betrieb. Entscheidungen die wirken: Die Schülerzahlen steigen wieder, viele Kinder bekommen einen Ausbildungsplatz oder besuchen erfolgreich weiterführende Schulen. „Der eigenständige Gymnasialzweig ist ein wichtiger Bestandteil des Lernens für die Kinder aus Immenhausen, Espenau und Reinhardshagen“, so Kastell, weil das Gymnasialangebot wohnortnah zur Verfügung steht. Die rund 70 Ganztagsangebote mit viel Sport, Musik, Theater und Kreativangeboten ermöglichen täglich Vertiefungen, Förderung und Schwerpunktsetzung. Kastell: „Wir wollen keine Profilklassen, wir wollen profilierte Schülerinnen und Schüler, die ihre individuellen Fähigkeiten ausbauen können und gefördert werden.“

Clevere Didaktik notwendig

„Der Mensch steht im Mittelpunkt“ steht auf der Abschiedspostkarte von Brigitte Kastell. Das beschreibt gut ihre Einstellung und ihre beruflichen Vorstellungen. „Jeder Cent mehr Förderung, jede Erweiterung der Ganztagsstellen, jede neue Planstelle und jeder neu angeschaffte Computer muss immer ein Ziel haben: Bildung auf dem heutigen Stand ermöglichen und die jungen Leute fit für die Zukunft zu machen.“ Die Corona-Pandemie und die dadurch bedingte Schulschließung hat für Brigitte Kastell deshalb auch die Schwachpunkte deutlich gemacht: Längst nicht in allen Haushalten verfügbare Endgeräte behindern Lernen ebenso wie das fehlende WLan in der Schule und die viel zu geringe Geschwindigkeit des Internets.  Deshalb hat Brigitte Kastell noch die Anschaffung von IPads auf den Weg gebracht. Ihre Vision: So wie früher das Lehrbuch selbstverständlich war, stellt die Schule allen Kindern digitale Endgeräte leihweise zur Verfügung. Kastell: „Aber es geht nicht nur um Technik. Auch neue pädagogische Ansätze und clevere didaktische Konzepte werden benötigt. Ich wünsche mir, dass Schule darauf achtet, die Lern- und Gestaltungslust der Kinder- und Jugendlichen zu entfalten und ihnen Beziehungen anbietet, um Voraussetzungen für ein gelingendes Leben zu schaffen.“

Weichen gestellt: Schule ist Standortfaktor in Immenhausen

Brigitte Kastell ist fest davon überzeugt, dass die Bedeutung der Gesamtschule mit eigenständigem Gymnasialzweig und Mittelstufenschulzweig als Standortfaktor für Immenhausen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Umso dankbarer ist sie, dass die Stadt Immenhausen jetzt die Zuwendung an die Stadt- und Schulbücherei für mehr Digitalisierung erhöht hat. Kastell: „Das ist ein schönes Abschiedsgeschenk.“

Die Weichen für die Zukunft sind gestellt. Da seit einigen Jahren zwei Klassen in Containern unterrichtet werden, denkt der Landkreis über eine Gebäudeaufstockung oder einen Erweiterungsbau nach. Im Rahmen eines EU-Förderprojektes ist die Erweiterung der Stadt- und Schulbücherei geplant. Sie soll sich weiter zur Stadt öffnen und baulich durch mehr Fläche für die Berufsorientierung genutzt werden. So soll der Kontakt von Schule und Immenhausen, Ausbildungsbetrieben und Schülerschaft gestärkt werden. Immenhausen leuchtet.

 

Brigitte Kastell wurde in Stade geboren. Nach dem Studium der Fächer Chemie und Erdkunde in Hannover machte sie das Referendariat in Celle. Weitere Stationen waren das Ratsgymnasium in Hannover und die Gesamtschule Kaufungen, bevor sie 2008 nach Immenhausen kam. Kastell ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Ernennung eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin erfolgt durch das Land Hessen. Die Dienstgeschäfte übernimmt bis dahin Fredy Zech als stellvertretender Schulleiter. Foto: Brigitte Kastell packt ihre Sachen (Foto Marcus Leitschuh)

 

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